Die Riesen von Ganymed (Hörbuchbesprechung)

Die Riesen von Ganymed

Nachdem mir der erste Teil der Riesen-Trilogie von James P. Hogan gut gefallen hatte, habe ich mich gleich an »Die Riesen von Ganymed« gemacht, den zweiten Teil. Leider wurde ich ziemlich enttäuscht.

Was geschieht?

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»Die Riesen von Ganymed« setzt da an, wo »Das Erbe der Sterne« aufhört. Und es geht auch gleich – für Hogan-Verhältnisse – rasant los, denn die Menschheit erhält Besuch von Außerirdischen! Was in jedem anderen Buch der Auslöser eines gigantischen Konflikts geworden wäre, durch den sich die Protagonisten hätten schlagen müssen, verkommt in diesem Buch beinahe zu einer Randnotiz. Nicht, dass die Außerirdischen – »Ganymeder« genannt – keine Rolle im Buch spielen würden, nein, das ist nicht das Problem. Das Problem ist die absolute Konfliktfreiheit mit der das geschieht. Man stelle sich vor, Außerirdische kämen in unser Sonnensystem, wie würde die Menschheit reagieren? Richtig, mit Euphorie und Besorgnis zugleich. Aber diese Besorgnis fehlt vollkommen. Bringen die Ganymeder vielleicht schädliche Mikroorganismen mit sich? Schaden unsere Mikroorganismen ihnen? Solche zentralen Fragen werden überhaupt nicht gestellt. Stattdessen teilt man sofort Speis‘ und Trank miteinander, die beide Seiten natürlich vertragen. Ja, sogar ihren eigenen Alkohol haben die Ganymeder dabei.

Ganz ehrlich: es ist ziemlich langweilig.

Dafür werden andere Fragen, die diesmal für die Story ziemlich unerheblich sind, mit akribischer wissenschaftlicher Kleinarbeit abgearbeitet. Wie könnte die Evolution jener Spezies auf dem zerstörten Planeten Minerva abgelaufen sein? Wie die dieser Spezies? Woher stammt jenes Enzym? Bla, bla, bla …

Was bei »Das Erbe der Sterne« zwar ebenfalls detailreich und langsam war, passte wenigstens zu der zentralen Frage des Buches: wie kommt ein 50.000 Jahre alter menschlicher Raumfahrer auf den Mond? Und genau so eine zentrale Frage geht »Die Riesen von Ganymed« ab. Es gibt keine alles überragende Frage, die unbedingt geklärt werden muss, weil sie eben so herausragend ist. Es gibt keinen Konflikt, alles geht stets glatt. Außerirdische kommen, man lernt sich zu verständigen, Außerirdische dürfen auf der Erde leben und alle haben sich lieb. Außerirdische verweigern den Menschen ihre fortschrittliche Technologie und die Menschen sagen »Klar, OK.« In Wirklichkeit hätten Politiker die Besucher so lange als Geiseln genommen, bis das letzte Quäntchen militärischer Technologie aus ihnen rausgepresst worden wäre. Nicht so in diesem Buch, da sind alle Menschen des Planeten gleichermaßen vernünftig.

Oder anders gesagt: die Zukunftsvision, die Hogan in diesem Buch entwirft, ist gleichermaßen unrealistisch wie langweilig.

Am Ende geht es gerade noch so

Erst kurz vor Schluss (Hörbuch: letzte 45 Minuten von über 10 Stunden) wirft der Autor eine für die Geschichte relevante Frage auf, die auch umgehend beantwortet wird, nämlich ob der Mensch aufgrund einer künstlichen oder einer natürlichen Mutation entstanden ist. Das ist aber zu spät, bis dahin hat man sich durch das Buch gelangweilt.

Der Epilog stimmt ein wenig versöhnlich und macht Lust auf den dritten Teil, von dem ich hoffe, dass er wieder besser wird.

Ausgaben

Ich habe wieder die Hörbuchumsetzung gewählt und diese ist genauso gut wie die des ersten Teils. Hatte ich bei »Das Erbe der Sterne« noch unterschiedliche Lautstärken der Stimmen bemängelt, habe ich diesmal überhaupt nichts auszusetzen und möchte den guten, unaufgeregten Sprecher noch einmal herausheben. Auch die dezent eingesetzten Effekte machen das Hören interessant.

Was die Taschenbuchausgabe betrifft, so gibt es derzeit nur eine vergriffene Ausgabe von 1981, die lediglich gebraucht zu beziehen ist. Auf Amazon finde ich zumindest eine Kindle-Ausgabe der Neuauflage des Heyne Verlags.

Fazit

Enttäuschende Fortsetzung des guten ersten Teils. Selbst wenn man akzeptiert, dass der Roman hauptsächlich einen wissenschaftlichen Diskurs abbildet, fehlt eine zentrale Frage, ein Konflikt, eine überragende Idee, die die Geschichte trägt.

P.S.

James P. Hogan war ein britischer Schriftsteller. Warum der Sprecher am Ende des Hörbuchs sagt »Übertragen aus dem Amerikanischen von …« kann ich mir nur mit vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Übermacht amerikanischer Schriftsteller auf dem deutschen Buchmarkt erklären.