Die Chroniken von Waldsee – Rezension (Hörbuch)

Chroniken von Waldsee

Wer Uschi Zietschs „Chroniken von Waldsee“ bereits kennt und mag, der sollte lieber nicht weiter lesen, denn diese Rezension wird ein Verriss. Das Buch ist eine einzige Katastrophe. Das schließt auch die Umsetzung als Hörbuch mit ein.

40 Stunden Hörbuch und gute Bewertungen bei Amazon. Da dachte ich mir „Hey, hier kriegst du was für dein Geld.“ Aber reingefallen.
Wenn es mir nicht gefallen hat, warum habe ich es dann bis zu Ende angehört? Ganz einfach. Zum einen habe ich bereits mein letztes Hörbuch abgebrochen und bei Audible umgetauscht. Ich wollte deren Kulanz nicht strapazieren. Zum anderen habe ich gehofft, dass das Buch am Ende vielleicht doch noch gut wird. Aber Fehlanzeige.

Handlung

Lest lieber das:

Das Buch nennt sich „Die Chroniken von Waldsee“. Bei einer Chronik erwarte ich eine Geschichte, die länger dauert als nur ein Jahr. Da wollte die Autorin einfach einen wichtig klingenden Titel haben. Chronisch ist hier nur die Langeweile in der Handlung.

Denn es passiert – nicht viel. Der junge Rowarn zieht ohne vernünftig nachvollziehbare Motivation in den Krieg, macht ein paar Kämpfe und rennt sonst ziemlich sinnbefreit in der Gegend rum. Fasst man die Rahmenhandlung zusammen, dann gibt es nicht viel zu erzählen. Die Geschichte besteht viel mehr aus kleinen Einzelepisoden, die Rowarn da so erlebt. Gerade im dritten Band scheint es, die Autorin wollte strecken und schickt Rowarn hierhin und dorthin.

Der Spannung nicht gerade zuträglich ist die Tatsache, dass es nur einen Handlungsstrang gibt, der linear abläuft. Ein, zwei Rückblicke mal ausgenommen. Aber es gibt keine parallel laufenden Handlungsstränge, die dann geschickt miteinander verwoben werden, und gemeinsam auf einen Höhepunkt hinauslaufen. Stattdessen macht Rowarn erst dies und dann das.

Figuren

Die Hauptfigur Rowarn ist eine einzige Frechheit. Ein aufgeblasenes Bubi, dem alles auf Anhieb gelingt, selbst da, wo die größten Krieger scheitern. Rowarn schafft alles. Und er hat nie Konsequenzen zu fürchten. Und er ist so schön, dass sich ihm alle Frauen sofort zu Füßen werfen. Kein Witz. Ständig kommt der schöne Rowarn irgendwo hin, eine Frau sieht ihn und schleicht sich nachts in sein Bett, um ihn sich zu nehmen. Rowarn ist dann immer ganz süß, ganz unschuldig und unsicher, bis die Frau ihn auf Touren gebracht hat und dann legt er los – ganz so, wie Frauen sich das wünschen. Hier hat sich die Autorin einfach ihren Traumboy geschnitzt.

Dieser Rowarn ist kein Held

Als Held in einer „Chronik“ ist er aber denkbar ungeeignet, denn er ist stets unsicher und weiß nicht, was er tun soll. Und dann plötzlich wieder will er der Chef sein und ist der Oberstratege, Heerführer, Krieger und Menschenkenner. Das ist dermaßen inkonsequent und hanebüchen, dass man beinahe lachen muss, wäre es nicht so traurig. Außerdem kotzt das Bubi ständig irgendwo hin. Wie soll man mit so einem mitfiebern?

Rowarn ist zwanzig, kommt aus einem Dorf, kann aber alles, weiß alles und nie passiert ihm etwas. Da wird er vom Feind gefangen und sagt „Es bringt nichts, mich zu foltern, ich sage eh nichts.“ Und was sagt der böse, böse Feind? Richtig, er sagt „Glaub ich dir“ und schwupps wird Rowarn nicht gefoltert. Nicht, dass sein schönes Gesicht noch Schaden nimmt. Das ganze Buch hab ich mir gewünscht, dass er mal ordentlich auf die Fresse fliegt und sein Charakter sich dann aus diesem Leid entwickelt. Aber Pustekuchen. Der schöne Rowarn entwickelt sich einfach überhaupt nicht.

Sidekicks

Dabei ist die Autorin durchaus in der Lage, gute Figuren zu schaffen. Fürst Neuruhn Ohneland und sein treuer Freund der Kriegskönig Olrik sind solche. Über die hätte ich gerne mehr erfahren. Mit denen könnte man mitfiebern. Zumindest sofern sie etwas erleben würden, denn leider dienen sie lediglich dem Bubi als Sidekick.

Zu erwähnen wäre noch, dass die Autorin Schwierigkeiten damit hat, Figuren so einzuführen, dass sie dem Leser im Gedächtnis bleiben. Im dritten Band taucht plötzlich ein Pürfin auf, der angeblich bereits ganz am Anfang der Geschichte da gewesen sein soll. Kann mich nicht an ihn erinnern. Und dann gibt es noch irgendwelche Ritter Reb und Laradim oder so, die auch plötzlich einfach da sind. Ich denke, das ist das Ergebnis davon, wenn die Autorin selbst im Verlag arbeitet. Da hat sie das Lektorat wahrscheinlich gleich selbst gemacht.

Schreibstil

Der Sprachstil ist altbacken, was legitim ist, wenn man Mittelalter-/Fantasy-Feeling schaffen will.  So wird hier sehr getragen erzählt und gesprochen mit „wohl“ und „gewiss“. Die Leute waschen sich nicht, sondern die „säubern“ oder „reinigen“ sich. Aber immer wieder verfällt die Autorin in einen flapsigen Stil, der nicht so recht passen will. Da  hat Rowarn dann z.B. „eine verdammte scheiß Angst“. Nichts mehr mit „wohl“ und „gewiss“. Diese Stilbrüche passen zur restlichen schlechten Qualität des Buches.

Das Erzähltempo ist langsam. Das erklärt auch den Umfang von 1.000 Seiten bzw. 40 Stunden Hörbuch. Allerdings wird viel Unnötiges ausdetailliert. Überhaupt scheint Detaillierung bzw. die Balancierung derselben das große Problem von Frau Zietsch zu sein. Dinge, die sie mag, bei denen sie sich auskennt, beschreibt sie haarklein und wiederholt das immer und immer wieder. Dagegen lässt sie Details aus, wo sie interessant wären, sie sich aber augenscheinlich nicht auskennt.

Da wird z.B. schnell darüber hinweg gegangen, wie Rowarn „Kampftechniken“ lernt und schwupps ist er ein Ritter. Und was für einer. Der Überkämpfer. Und? Was hat er gelernt? Wie benutzt er seine Waffen? Welche „Kampftechniken“ hat er denn nun gelernt?

Details wo es keine braucht

Dann gibt es da die Lieblingsthemen von Frau Zietsch, die sie ständig und in aller Breite ausführt. Als da wären:

  1. Pferde
  2. Essen
  3. Fremdschämerotik

Pferde. Das ganze Buch über könnte man glauben, die Pferde seien die Hauptfiguren. Die Autorin wirft mit unnötigen Fachbegriffen und Details um sich. Falbe, Kuperfuchs, piaffieren, zockeln, wie der Gaul seine Ohren hält, was er mit seinen Vorderhufen macht, usw., usw. Käme es nur einmal vor, wäre es ja OK. Aber jedesmal wenn ein Pferd auftaucht, wird haarklein beschrieben, was es macht.

Essen. Ja, Frau Zietsch isst sicher sehr gerne. Sobald die Figuren essen, kann man sich sicher sein, dass ganz genau beschrieben wird, was sie essen. Und sie essen ständig. Und immer gibt es „Früchte“. Keine Äpfel. Keine Bananen. Nein, „Früchte“. Dicht gefolgt von „kandierten Früchten“.

Peinliche Erotik

Fremdschämerotik. Nichts gegen etwas knisternde Erotik. Aber auch hier passiert alles ständig und wiederholt sich. Rowarn wird die ganze Zeit von Frauen genommen, die seiner Schönheit nicht widerstehen können. Beschrieben wird das ganze dann recht explizit und mit dem peinlichen Vokabular billiger Erotik-Groschenromane, die viele Frauen heimlich lesen. Da ist die Rede von „Knospen“ und „sich gegenseitig Erlösung schenken“. Unterirdisch wird es, wenn Rowarn in den Klauen einer furchterregenden vierarmigen Dämonenfrau ist, die natürlich nichts anderes zu tun hat, als ihm erstmal einen runterzuholen. Und selbstverständlich ist der schöne Rowarn auch noch gut bestückt, was bei dem ganzen Pferdekram groteske Assoziationen weckt.

Rassen

An Fantasie mangelt es Frau Zietsch nicht. Aber auch hier übertreibt sie völlig. Alle paar Seiten wird ein neues Vieh oder Volk eingeführt. Ganz schlimm ist aber, was sie mit den etablierten Rassen macht. Zwerge sind also so groß wie Menschen? Und dann doch wieder nicht? Und Dämonen? Wie sehen diese finsteren Geistergestalten wohl in Waldsee aus? Dort sind sie nichts weiter als eine weitere Fantasy-Rasse. Es gibt Dämonenmänner, Dämonenfrauen, Dämonenfamilien, viele süße Dämonenkinder und natürlich gibt es auch gute Dämonen. Wie in Twilight, da gibt es ja auch gute Vampire.

Hörbuch

Einen nicht unwesentlichen Teil meiner Unzufriedenheit ist allerdings auch der schlechten Hörbuchumsetzung geschuldet. Sprecher Christian Senger macht seine Sache trotz seiner quäkigen Stimme anfangs eigentlich noch recht gut. Er schafft es sogar, Frauenstimmen unaufdringlich, beinahe normal zu interpretieren. Aber ungefähr ab der Hälfte fängt er an, Frauenstimmen zu säuseln und zu hauchen und die letzten Silben immer gaaaanz laaaang zu halten. Das klingt völlig debil.

Das Krokodil aus dem Kasperle-Theater

Ein weiteres Problem sind tiefe Stimmen, die er für Dämonen oder ähnliche Kreaturen wählt, bei denen aber immer die Stimme des Krokodils aus dem Kasperle-Theater heraus kommt, was wirklich lachhaft klingt. Abgerundet wird die schlechte Leistung dadurch, dass der Sprecher immer wieder mal Stimmen verwechselt. Da spricht Tamron einmal mit der Tamron-Stimme, dann plötzlich mit der Rowarn-Stimme und dann auf einmal mit der Frauenstimme. Das ist extrem verwirrend. Zu seiner Ehrenrettung könnte man evtl. anführen, dass er vielleicht einfach schlechte oder falsche Regieanweisungen bekommen hat. Das weiß ich nicht.

Die Hörbuchmacher waren bemüht, die Geschichte mit etwas Musik aufzupeppen, aber das ging schief. Ist die Musik am Anfang jedes Buches noch stimmig, werden zwischendrin Lieder vertont, die einfach ein Griff ins Klo sind. Meine Güte, es gibt heutzutage an jeder Ecke irgendwelche Mittelalterbands oder Minnesänger, die das Mittelalter wieder aufleben lassen. Warum muss man dann Gitarrenpop bringen?

Fazit

Uschi Zietsch ist es gelungen ein neues Genre zu schaffen: Frauen-Fantasy. Geschrieben von einer Frau für Frauen. Für kleine Mädchen und Trägerinnen von Indianerfeder-Tattoos. Für Frauen, die von einem dünnen, blonden Traumboy fantasieren, den sie sich nach Belieben nehmen können und der ihre sehnlichsten Wünsche befriedigt. Und natürlich gibt es Pferde.

Für Männer wie mich, die ihr Pferd am liebsten gut durch mögen, ist das allerdings nichts. Wer harmlose Fantasy mit viel Phantasie, tollen Rassen und echten Helden lesen möchte, dem empfehle ich Die unendliche Geschichte von Michael Ende.